Sehr geehrte Damen und Herren,
Versuchen Sie bitte folgende Aufgabe im Kopf zu lösen: 323 X 948.
Die wenigsten von uns werden ohne weiteres in der Lage sein, dieses zu bewältigen, obwohl wir wohl alle das System der Multiplikation von Zahlen verinnerlicht haben. Würde ich Sie jetzt aber bitten, die gleiche Aufgabe schriftlich – also unter Zuhilfenahme eines Mediums – zu lösen, würden nur die wenigsten noch Probleme damit haben. Nehmen wir dann noch die Technik also einen Taschenrechner zur Hilfe, ist die Aufgabe in wenigen Sekunden lösbar.
Diese kleine Vorführung unser begrenzten Aufnahme- und Wahrnehmungsfähigkeit macht demnach deutlich, warum Medien so immens wichtig für die Evolution des Menschen waren und für jeden Einzelnen von uns immer noch sind. Denn die Grundlage allen Wissenerwerbs sind Informationen, von denen wir nur eine bestimmte Menge zur gleichen Zeit aufnehmen und verarbeiten können. Medien aber materialisieren Informationen. In dem wir sie aufzeichnen – in welcher Form auch immer – können wir sie je nach Bedarf transportieren, abrufen und mit ihnen arbeiten. Medien ermöglichen uns also den Zugang zu größeren Mengen an Informationen, indem sie diese beständig und sichtbar machen.
Wollen wir also die Qualität eines Mediums bestimmen, sollten wir uns fragen, in welchem Maße es Informationen über die Zeit erhält und sie transparent macht. Multimedia meint in diesem Zusammenhang übrigens die Verschmelzung von verschiedenen Typen von Medien und ihren Kommunikationswegen. Beim Fernsehen wäre dies das Zusammenspiel von Funksignalen, Bild und Ton zum Transport und zur Wiedergabe der Informationen.
Erst dadurch, daß die Information beständig und sichtbar wird, kann sie formal erfaßt werden. Man kann sie also in Formeln und Zusammenhängen ausdrücken. Damit wird sie der Technik zugänglich. Die Technik wiederum rationalisiert die Informationen und führt z.B. über mathematische Operationen zu neuen Erkenntnissen. Diese neuen Erkenntnisse allein bedeuten aber keinen Wissenserwerb, wenn man die dahintersteckenden Zusammenhänge nicht versteht. Z.B. erzählte eine Kollegin von einem Experiment, welches sie und einige Kollegen durchführten. Die Ergebnisse sollten durch einige Informatiker mathematisch ausgewertet werden und damit die Fragestellung beantwortet werden, ob eine bestimmte neue Verfahrensweise besser sei, als die alte. Die mathematisch vollkommen richtige Antwort der Informatiker lautete "Fünf".
Hier kann man wohl deutlich erkennen, daß die Technik in der Lage ist, Informationen auszuwerten, daß das Verstehen aber immer durch den Menschen erfolgen muß. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Kollegen Prof. Dr. Keil-Slawik von der Universität Paderborn zitieren, der sagte:
"Der reine Zugriff auf materielle Wissensbestände führt nicht zu Wissen und somit nicht zu klugen Leuten."
Wir merken uns also:
- Informationen sind flüchtig
- Medien machen Informationen beständig und sichtbar
- Die Technik rationalisiert Informationen und führt zu Erkenntnissen
- Wissenserwerb erfordert Auseinandersetzung mit diesen Erkenntnissen
Was bedeutet jetzt eigentlich "Lernen im Internet" und "Wie geht das"? Natürlich lassen sich solch globale Fragen nicht in diesem kurzen Vortrag beantworten. Ich möchte aber versuchen, Ihnen die Problematik, mit der sich u.a. die Kollegen der Pädagogischen Psychologie und der Medienpsychologie auseinandersetzen, näher zu bringen.
Was kann das Internet eigentlich?
Das Internet besteht bekanntlich aus verschiedenen Diensten, die alle ihren Beitrag zum Wissenserwerb leisten können. Da haben wir die elektronische Post, mit der Studenten sich und ihren Professoren ohne besonderen Aufwand und Kosten E-mails also elektronische Briefe übersenden können. Es gibt Newsgroups, in dem Lernende sich über bestimmte Themen informieren können und Fragen an die anderen Gruppenteilnehmer stellen können oder diese beantworten.Wir haben den Chat, in dem Studenten und Professoren sich über Tastatur und Monitor miteinander unterhalten können, wobei es keinen Unterschied macht, ob sie zusammen in einem Raum sitzen oder ob der eine in Oldenburg und der andere in Polynesien ist. Wir haben FTP – das File Transfer Protocol – mit dem Datenmengen z.B. digitalisierte Bücher oder Lehrvideos über die elektronischen Leitungen in heimatliche Gefilde gesogen werden können. Und schließlich, fast synonym für das Internet: Das World Wide Web. Eine interaktive Schnittstelle mit Texten und Grafiken in denen Professoren ihre Skripte und Folien hinterlegen können, damit die Studenten sie Zuhause nutzen können und mit dem Studenten weltweit auf die Suche nach Literatur gehen können und vieles mehr.
Und ja: Es ist durchaus denkbar, daß Professoren ihre Vorlesungen schlicht aufzeichnen und Studenten sich diese herunterladen. Der Professor nicht mehr als Moderator des Lernens, sondern als Mediator.
Alles eine Frage der Technik und die schreitet ja nun mal voran.
Das klingt alles sehr ermutigend und danach, daß man das Lernen immer mehr nach Hause verlegen kann. Das ein asynchrones Lernen, also ein Lernen, das nicht zeitgleich mit der Vermittlung des Lernstoffes stattfindet, der Weg in die Zukunft sein wird. Der Student entscheidet für sich, wann er welche Veranstaltung besucht. Weitere Vorteile: Die Universität wird deinstitutionalisiert. Nie mehr Raumnot, keine überfüllten Seminare. Die Bibliotheken der Zukunft würden reine Datenpflegeinstitute sein, die in einem Einfamilienhaus Platz hätten. Der Student als ein von der Institution befreites und nach Wissen strebendes Individuum, das autark und in freier Zeiteinteilung Lernen kann. Losgelöst von Raum und Zeit. Schöne neue Welt.
Doch was bedeutet es, ganz alleine für sich zu lernen ohne Arbeitsgruppen, ohne direktes Feedback durch andere, ohne Austausch auf den Gängen, in der Mensa oder in der Cafeteria?
Intuitiv würden wir wohl alle sagen, daß dies nicht gut sein kann, aber wissen tun wir es eigentlich auch nicht, weil dort die Erfahrungen in der Praxis fehlen.
Steuern wir also Szenarien an, von den wir nicht wissen, wie sie unser Leben beeinflussen? Und vielmehr: Von denen wir nicht wissen, ob wir sie eigentlich überhaupt brauchen und wollen?
Zum Glück gibt es viele kluge Köpfe die sich zu diesen Themen Gedanken machen. Ich zitiere hierzu aus den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur "Hochschulentwicklung durch Multimedia in Studium und Lehre":
"Die Einführung von Multimedia erlaubt für die Lehrenden eine Entlastung von Routinelehre ... und eröffnet damit Freiräume für ein verstärktes Angebot von Seminaren, die Verkleinerung von Gruppen und eine Intensivierung des wissenschaftlichen Diskurses zwischen Lehrenden und Lernenden im sozialen Prozeß des Studiums. Neuartige Vermittlungsformen erlauben den Studierenden neue Gestaltungsmöglichkeiten des Studiums und eine Anpassung an individuelle Lebensmuster."
Leider haben sie nicht gesagt, welche neuartigen Vermittlungsformen das sein sollen.
Aber weiter:
"Daraus folgt, daß die Hochschulen selbst die Entwicklung und den Einsatz von Multimedia rasch zum festen Bestandteil der jeweiligen Hochschulentwicklungskonzepte machen müssen. Allein für die dringend erforderliche hochschulinterne Vernetzung werden Investitionen von rund 1,5 bis 3,5 Milliarden DM notwendig."
Nur zum Vergleich: Derzeit stellt das Land Niedersachsen hierfür 5 Millionen DM bereit.
Ich möchte das an dieser Stelle nicht bewerten, aber kennen sie das Lied "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo"?
Hier haben wir zwei Grundprobleme, mit denen u.a. wir als Psychologen uns zu beschäftigen haben:
- Wie können diese neuen Lehrformen aussehen? Wie müssen wir sie gestalten, daß sie tatsächlich eine Bereicherung und keine Behinderung des Lernens sind?
- Da die Finanzierung wie immer wackelig ist: Was können wir mit den uns gegebenen Mitteln bereits umsetzen und nutzbar machen? Wie steht es mit der Usability der Neuen Medien in der Lehre?
Die Neuen Medien als Lernumgebung können kaum ein Ersatz für traditionelle Lehr-Lernsysteme sein, da sie zwar in Teilbereichen Vorteile bieten, wie die weitgehende Autonomie des eigenen Lernvorgehens, aber genauso gravierende Nachteile mit sich bringen. Dann aber spricht alles gegen den Einsatz von Neuen Medien, da die Vorbereitung ihres Einsatzes teuer und erst dann gerechtfertigt ist, wenn man eine konkrete Verbesserung der Lernsituation an den Universitäten voraussagen kann. Außerdem ist asynchrones Lernen nicht gerade revolutionär, bauen doch alle Fernuniversitäten auf diesem Prinzip auf. Hier stellt sich die Aufgabe, die Vorteile des synchronen Lernens an Präsenzuniversitäten mit denen des asynchronen Lernen an Fernstudienzentren zu verbinden und zugleich die jeweiligen Nachteile der Lernsysteme zu elimieren. Das dieses nie voll zu verwirklichen ist, dürfte auf der Hand liegen, dennoch liegt hier die Chance der Neuen Medien:
Die Entwicklung von völlig neuen Lernumgebungen, die den Lernenden höhere Freiheitsgrade anbieten, ihn aber dennoch nicht aus einer sozialen Lernwelt heraustrennen. Also ein Einsatz von Neuen Medien, wo sie das bestehende Lernsystem fördern und ausbauen und kein Multimedia um jeden Preis.
Für die Bereitstellung von Lehrmaterialien könnte dieses z.B. bedeuten, daß man kein klassisches Autorensystem heranzieht, in dem ein Lehrender Materialien bereitstellt, sondern das ein integriertes Erstellen, Bearbeiten und Präsentieren von Lehrmaterialien durch Lehrende und Lernende gemeinsam möglich wird, wobei die Qualität der erstellten Materialien wiederum durch Befragung der Studierenden evaluiert wird. Damit würde die strikte Trennung von Autoren und Lesern aufgeweicht und die Forderung nach mehr Handlung des Lernenden im Lernprozeß verwirklicht werden.
Die bestehenden Seminarstrukturen würden nicht ersetzt, sondern ergänzt durch virtuelle Seminare, die zunächst in Newsgroups und Chats stattfinden aber mehr und mehr mit Erweiterung der privaten technischen Möglichkeiten über visuelle und auditive Medien in virtuelle Echtzeit-Gruppenräume verlagert werden. Sprich: Die Präsenz der Lernenden und des Lehrenden in einem virtuellen Raum, indem Bild und Ton der einzelnen Personen mit Kamera und Mikrofon in das Netz übertragen werden. Dies heißt synchrones Lernen im Internet.
Ein zusätzlich sehr interessanter Ansatzpunkt ist der von den Kollegen an der Universität Paderborn namens "Hyperskript". Hier arbeiten mehrere Professoren an einer gemeinsamen Datenbasis, die als Grundlage einerseits für weitere Studien, andererseits als Grundlage von Lehrmaterialien und Lehrveranstaltungen dienen. Die Professoren füttern ihre Daten über gemeinsame Verbundobjekte – z.B. verbindende Texte, semantische Karten und Präsentationen – in diese arbeitsteilige Datenbasis ein.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf den Irrglauben zurückgehen, daß in der Zukunft nur noch die besten Professoren ein globales Studienpublikum lehren werden: Das würde bedeuten, daß irgend jemand zu bestimmen hätte, was eine gute und was eine weniger gute Lehre sein soll, was dem Grundsatz der Freiheit der Lehre vollkommen widerspräche und die Vielfalt der Lehre gefährde.
"Hyperskript" geht eher den Ansatz, daß Professoren mit speziellen Schwerpunkten von den Erfahrungen von anderen Professoren mit anderen Schwerpunkten profitieren könnten. Damit würde die Qualität der Lehre als solche einen Schub erhalten können.
Diese wenigen Beispiele sollen verdeutlichen, daß die Präsenzuniversität, wie wir sie heute kennen, sich mehr in die Richtung einer Fernuniversität entwickeln wird, was eine Anpassung aller Lehrmaterialien erfordert.
Der Forschungsansatz muß sein:
- Innovative Strukturen
für die neuen Anforderungen an die Präsenzuniversitäten zu schaffen
- Und diese Strukturen unter alltagspraktischen Bedingungen also in der Praxis der täglichen Lehre zu testen.
Dies erfordert:
- Den Einsatz der Neuen Medien unter Zeit- und Mittelknappheit
- Evaluation unter Fremdnutzung, d.h. durch Personen, die nicht am Entwicklungsprozeß beteiligt waren
- Kein Zugriff auf zusätzliche Ressourcen, d.h., nicht warten bis Mittel zur Verfügung stehen, sondern mit den gegebenen Mitteln das maximal Mögliche umzusetzen
- Im Mittelpunkt muß weiterhin eine Lehre vom Professor zum Lehrenden stehen, ohne das die Lehre unter der technischen Entwicklung leidet.
Die Lernenden sollten mehr als bisher den Verlauf und die Inhalte ihres Studiums selber bestimmen können. Dabei gilt, je individueller die Nutzung sein soll, desto höher muß auch die Qualität der Materialien sein. Die Darbietung im WWW erfordert aber auch, daß viel stärker als bisher die Wahrnehmbarkeit der Materialien in den Mittelpunkt rückt und das die Konzeption von neuen Materialien dem Rechnung tragen muß. Diese Orientierung auf Tele- und Selbstlernen erfordert somit viel mehr Aufwand als bisher und erschwert gleichzeitig die Anpaßbarkeit und Erweiterbarkeit der Materialien.
An dieser Stelle möchte ich auf einen Ansatz einer Gruppe von Medienpsychologen kommen, die unter dem Projektnamen "Studierplatz 2000" versuchen, aus psychologischen und arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen über computerunterstützte Lernprozesse, Kriterien zu finden, die für die Entwicklung von Lernsystemen mit Neuen Medien gelten sollen.
Zu Berücksichtigen sind:
- die kognitiven und motivationalen Faktoren der Lernenden und
- die psychologischen und technischen Kenntnisse der Lehrenden
Daraus ergeben sich die Studier- und die Lehraufgaben.
Man kann hier also sehen, daß die Interessen der Lehrenden und die Lernenden beiderseitig in den Prozeß der Entwicklung von neuen Lernsystemen mit einbezogen werden müssen, was eine Zusammenarbeit beider Seiten an der Entwicklung der Arbeitsmaterialien wie ich sie zuvor beschrieben habe, nahelegt.
Diese Arbeitsgruppe "Studierplatz 2000" kam in ihrer Forschung auf fünf grundlegende Probleme, die bei der Erstellung der Lehrmaterialien im Internet zu berücksichtigen sind:
- Das Repräsentationsproblem: Auf welche Weise kann das Strukturieren und Repräsentieren der Lehrmaterialien mit Hilfe von Multimedia-Technologien unterstützt werden?
- Das Präsentationsproblem: Welche Möglichkeiten bieten Multimedia-Technologien, das Präsentieren und Aufbereiten von Informationen zu erleichtern?
- Das Instruktionsproblem: Wie können Multimedia-Technologien zur Gestaltung von Lernsystemen genutzt werden, die dann selbständiges Lernen ermöglichen?
- Das Navigationsproblem: Auf welche Weise kann man Studierende darin unterstützen, große Stoffgebiete mit unterschiedlichen Materialien und Medien effizient zu bearbeiten?
- Das Interaktionsproblem: Welche Möglichkeiten bieten Multimedia-Technologien, die aktive Auseinandersetzung mit den zur Verfügung stehenden Materialien zu erleichtern?
Sicherlich könnte man dieses Thema noch weitaus tiefer diskutieren, aber ich denke, daß ich Sie schon jetzt mit einer Menge an Information versorgt habe, die sich erst einmal legen sollte. Für alle, die an diesem Thema weiter interessiert sind, werde ich eine Abschrift dieses Vortrags im Internet veröffentlichen, die sie dann ab Morgen oder Übermorgen dort unter